Bear Grylls Tour und andere Ferienspäße

Ferienabzeichen für Mamas

Ich weiß nicht, ob du das kennst. Diese leichte Nervosität, die sich beim Blick auf den Kalender langsam anschleicht und anhäuft mit fortschreitender Zeit. Die Magenschmerzen, die plötzlich da sind, wenn du die erste Bedarfserhebung von der Kinderbetreuungseinrichtung bekommst. Der Stress, der sich einstellt, wenn du dann die nächste Woche grob planst und realisierst: Es ist so weit. Sie sind da. Die Ferien. Das heißt: Es gibt wieder unzählige Rollen mehr als Mama zu erfüllen.

Bespaßungs-Plan oder Spontanität?

Und vielen wird es vielleicht bei den Wörtern “Woche grob planen” sauer aufgestoßen sein. Sicher eine Mama, die Ferienbespaßungs-Kurse bucht, Waldspiel-Treffen organisiert, Musik- und Bewegungseinheiten fix vorsieht und den Tag in Kreativitäts-, Sport- und Lerneinheiten teilt. Dabei doch ganz klar: Kinder brauchen doch nur Zeit mit der Mama bzw. dem Papa, ungeteilte Aufmerksamkeit, auch mal Langeweile, Montessori und blabla. Ja, ja und nochmals ja. Du hast vollkommen recht. So ist das Bild, das wir vermittelt bekommen, wie wir zu sein haben. Und was das beste für unsere Kinder ist. Und von Ratgeber zu Ratgeber, die wir mehr lesen, um all das zu erreichen, werden wir verwirrter. Was denn nun? Geregelter Tagesablauf und Routinen, oder doch freies Spielen, Kinderbedürfnisse und Spontanität. Egal, für was man sich schlussendlich entscheidet: Lächeln nicht vergessen. Weil die Exklusiv-Zeit mit Kind macht uns Spaß und glücklich. So wie uns die Zeit zuhause mit den Kindern während Corona unglaublich erfüllt hat, weil wir ja endlich mal Zeit nur für die Familie hatten. Oder nicht? Ich darf dir ganz persönlich verraten: So wie du es machst, ist es vollkommen richtig. Weil jedes Kind ist anders, jede Familie ist anders, jede Persönlichkeit ist anders, jeder hat andere Bedürfnisse. Und die aufeinander abzustimmen, ist die eigentliche Herausforderung, wenn die Ferien vor der Tür stehen.

Endlich Zeit fürs Kind

Nachdem wir jetzt geklärt haben, dass es (zumindest für mich) kein Richtig und kein Falsch bezüglich Ferienplanung mit Kind gibt, folgt ein Erlebnisbericht unserer Woche. Ich beziehe mich dabei aufs Kindergarten-Kind. Das Baby, das hier auch noch wohnt, fällt nicht auf. Aber nur weil wir drei Jahre Intensiv-Training hatten. Denn ich weiß noch, bzw. kannst du das hier nachlesen, zum ersten Mal Mama werden und jeden Tag mit Baby zu meistern, geht nicht nebenbei. Aber das zweite läuft eben in unserem Fall, Gott sei Dank, schön mit.
Also das Kindergartenkind. Durfte ganze vier der Ferientage bei Oma, Opa, Tante und Onkel verbringen. Das ist schon mal enormer Luxus für das Kind (abwechslungsreich) und für die Eltern (vier Tage weniger “planen”).
Jetzt ist unsere Große ein sehr anspruchsvolles Kind. Langeweile kann sie gut. Entscheiden schlecht. Was soll man bloß spielen? Also benötigt es Inputs. Ich plane also (bei völlig flexibler Zeiteinteilung): Puzzle und Gesellschaftsspiele, Bastelprojekte, Malvorlagen, gemeinsames Kochen, Haushalt machen, Spaziergänge, Spielplatz-Treffen und eine Bear-Grylls-Tour aka Osterspaziergang mit Schnitzeljagd. Damit sollten wir über die Runden kommen. Ich bin auf jeden Fall im Modus “Nächste Woche habe ich keine Bedürfnisse außer Toilette, Essen und vielleicht einmal mehr als vier Stunden Schlaf.”

Umsetzung der Ferienbespaßung mit Trotzkind

Unser erster Ferientag startet um 04:30 Uhr. Ist ok, ist ja, wenn man die Zeitumstellung berücksichtigt, eigentlich erst 03:30 Uhr. Das Kindergarten-Ferien-Kind will unbedingt aufstehen ist aber gleichzeitig müde und vollkommen fertig. Nachdem man das Kind nicht ans Bett schnallen und die Augenlider zukleben darf, was sicher das beste für das Kind wäre, weil es ja eigentlich ein Schlafbedürfnis hat, das offenbar begleitet werden muss, wählen wir Aufstehen. Nachdem dadurch Gewalt abgewehrt wurde, aber dadurch Bedürfnis unbefriedigt bleibt, folgen zwei Stunden Teenager-Grantlerei: Ich hab Hunger! Nein das will ich nicht! Wo bleibt mein Kakao? Schieb mir gefälligst den Sessel zum Tisch! Ich bin nicht müde! Ich will das alleine tun! Ich bin müde! Ich will nicht schlafen! etc. Untermalt werden die Kommandos mit unterschwelligen Jammer-Tönen. Bei Eltern haben diese den selben Effekt, wie bei Dr. B. der tropfende Wasserhahn in “Die Schachnovelle”.
Nachdem ich (ich bin übrigens überhaupt kein Morgenmensch) mindestens zehn mal in eine Papiertüte geatmet habe, schaffe ich diese ersten Stunden also ohne Durchzudrehen. Höchstleistung also. Als wir uns alle beruhigt und kultiviert haben, biete ich also mein Repertoire an. Und es klappt erstaunlich gut. Mittagessen kochen dauert zwar doppelt so lange, weil entweder die Große mithilft, oder ich alle fünf Minuten meine Aufmerksamkeit auf sie richten muss, weil sie unbedingt sofort und jetzt etwas braucht, ganz zu Schweigen von dem Baby, das prinzipiell schon durch die große Schwester genug unterhalten wird, aber eigentlich 30 Minuten in den 20 Minuten dauernden Schlaf begleitet werden muss und daher immer wieder brüllt.
Auch die Spielplatz-Nachmittage mit meinen Mama-Kolleginnen samt Kindergartenfreunde-Schar sind richtig erholsam und wirklich schön. Wie im Bilderbuch.
Doch irgendwann musste es ja kommen. Die Stimmung kippt. Von einem Tag auf den anderen reicht keines meiner Angebote mehr aus. Das Kind weiß selber nicht was es will, als Mama soll man das erraten oder aushalten. Das große Kind muss alle fünf Minuten davon abgehalten werden, das kleine umzubringen, alles in der Wohnung kleinzuschlagen, oder sich selbst zu verletzen. Ich verbringe den ganzen Vormittag zwischen diesen Mama-Aufgaben und dem Wegräumen der Einkäufe. Ich koche ganze vier Stunden an einem Pipifax-Gericht aus Spinat, Spiegeleiern und Bratkartoffeln, keine Ahnung warum. Wir essen erst Nachmittag, sind alle mies gelaunt und dabei ging es bis jetzt um gar nichts. Der Tag und wir waren einfach da, es geschah nichts und wir waren alle fertig und gehetzt vom Da-Sein. Ich will das Ruder dann doch noch irgendwie umreißen und beschließe, dass wir mit einer Freundin und ihren gleichaltrigen Kindern den Osterspazierweg mit Schnitzeljagd gehen. Es dauert 30 Minuten bis wir unter Geplärre, Tränen, Rotz, Wutaus- und Nervenzusammenbrüchen aus dem Haus kommen.

Jetzt endlich kommt Bear Grylls ins Spiel

Eigentlich sollte es nur ein kleiner Rundgang durch den Ort mit sechs Stationen sein. Die orkanartigen Böen machten daraus aber einen Kampf ums Überleben in der Wildnis. Wir versuchten krampfhaft unsere großen Kinder durch die Windstöße nicht zu verlieren, krallten uns an die Kinderwägen, die wir abzuschirmen versuchten, da Babys ja meist die Luft anhalten, wenn ihnen etwas ins Gesicht bläst und wanderten tapfer bergauf und bergab, um von Station zu Station einen Stempel zu ergattern und etwas Wissenswertes über Ostern zu erfahren. Bei der Feuerwehr-Station kam es dann definitiv zum Höhepunkt. Die Babys sind endlich eingeschlafen, genau bei unserer Anwesenheit beim Feuerwehrgebäude ertönt dann die Sirene. Im Schock versuchen wir noch die Ohren der Babys zuzuhalten, die uns aber bereits entsetzt anstarren. Die Großen sind wie gelähmt, die Mamas unsicher, ob wir jetzt der Auslöser des Alarms waren. Also werden wir nebenbei noch Zeugen eines echten Einsatzes. Ein Highlight für die Großen, ein letzter Adrenalin-Kick, der mich zumindest teilweise zum Abbruch zwingt. Denn das Baby kriegt sich nicht mehr ein und wird nun vom Papa zum Männernachmittag mit Bier und Fußball abgeholt.

Bear Grylls Abzeichen für die Ferien

Ich meistere die letzten Etappen mit meiner Erstgeborenen und meiner tapferen, starken Freundin, die noch immer beide Kinder dabei hat. Die Stimmung ist jetzt wieder besser. Mein Teil der Ferienbespaßung ist geschafft. Nicht nur wegen des Osterspaziergangs, sondern wegen der ganzen Woche, sind sich meine Freundin und ich einig: Wir haben uns das Bear Grylls Abzeichen verdient. “Survivor”. Die blutigen Kratzer und Schürfwunden, geschundenen Füße und verwüsteten Haare sind Zeuge davon. Ganz zu schweigen von den psychischen Wunden, die die Ferien bei so mancher Mama hinterlassen. Ich muss gestehen, wir sind diesmal gut davon gekommen. Darf doch auch mal sein. Um auch mal der Meinung “Zeit mit den Kindern ist das allerbeste” gerecht werden zu können.

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