Wie ist es, ein Kind zu haben?

Wie ist es, ein Kind zu haben

Seit dem zweiten Lebensjahr meines Kindes ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich der Schwangerschaft nachtrauere. Wie schön das war (ja, ich hatte Gott sei Dank eine wundervolle Schwangerschaft und konnte sie voll genießen). Man könnte jetzt meinen, das ist die Sehnsucht nach dem zweiten Kind. Doch die „Du bleibst Einzelkind“- überwiegen derzeit die „Ooooch schau ein kleines Baby!“-Momente.

Gedanken einer erschöpften Einzelkind-Mami

Was hab ich da also für einen Vogel? Warum werde ich so sentimental, wenn ich mich an die letzten Wochen vor der Geburt erinnere und ich mir wünsche, die Zeit nochmal zurück drehen zu können?
Ich glaube es liegt daran, dass ich damals eigentlich schon beinahe ein Kind hatte, aber noch nicht wirklich hatte. Es gab da nur die Freude über das Baby und keine schlaflosen Nächte, unerklärlichen Schreiphasen, ewige Stillstunden, sinnlose Trotzereien, langweilige Turmbau und -umwerf-Spiele. Nicht falsch verstehen, natürlich war mir klar, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt und dieser anstrengend wird. Ich kann mich noch sehr gut an einen Gedanken kurz vor der Geburt erinnern:
Ich war schon über den Termin und lag nur sinnlos auf der Couch, es war extrem heiß und ich konnte nichts mehr machen und hatte zu nichts mehr Lust.

„Wenn das Baby mal da ist, habe ich immerhin was zu tun!“

Das war mein Gedanke. Und wie recht ich hatte. Ja es gibt mit Baby immer und ständig was zu tun. Was ja, wenn man sich für ein Kind bewusst entscheidet, nicht überraschend ist. Aber es ist so, als ob jemand bei deinen Aufgaben ständig eine Stoppuhr mitlaufen lässt. Klo gehen? 60 Sekunden. Go! Duschen? 60 Sekunden. Go! Schlafen? 60 Sekunden. Go! Essen? 60 Sekunden. Go! Kochen? Haha. 60 Sekunden. Go! Es ist permanenter Stress.

Wie machen das die anderen Eltern?

Und wenn ich abends dann vollkommen erschöpft bin, frage ich mich sehr sehr oft, wie das andere schaffen. Ich bin sicher, dass ich zwar ein etwas fordernderes Kind habe, aber im Vergleich zu anderen ein sicher nicht schwieriges. Was tun die Alleinerziehenden? Die Eltern mit zwei Kindern? Oder drei? Oder sogar mehreren, deren Stoppuhren schon nur noch fünf Sekunden für jeden Task Zeit geben? Die belächeln natürlich solche Erzählungen einer Einzelkind-Mami. Vollkommen verständlich. Man wächst ja auch als Eltern mit dem Niveau der Herausforderungen. Jammert der Erstklässler über die Schwierigkeit und Unpackbarkeit des Schulstoffes, muss der Achtklässler nur schmunzeln und denkt sich: Wart mal ab!

Bin ich zu blöd zum Mama-Sein?

Ein Kind zu haben kann doch bitte nicht so schwer sein! Sogar Regenwürmer packen das! Sicher, vielleicht wäre es einfacher, sich ein Bein abzuhacken und den Rest nachwachsen zu lassen, anstatt sich anderweitig zu reproduzieren und den Spross dann großzuziehen. Aber kennt ihr Tiere, die jammern, weil sie Kinder haben? Ich kenne nur chillige Katzen, die ihre Kätzchen entspannt im Liegen säugen, Kühe, die gemütlich Gras zum vierten Mal verdauen, während die Kälber um sie umher tollen und Löwen, die auf die Jagd gehen, während die Kleinen im Schatten warten. Hallo? Die einzigen Amseln, die mich etwas beruhigen, und in deren Lage ich mich versetzen kann. Kinder schreien hungrig im Nest, Mama und Papa wechseln sich mit Futter holen ab und fliegen hin und her bis sie tot umfallen. Ja das kommt schon eher hin.

Manchmal schreien sie, einfach weil sie schreien müssen

Also nochmal nachdenken. Was hab ich mir dabei eigentlich wirklich gedacht, wenn das ja eh alles von Anfang an klar war? Ich glaube mir war einfach nicht klar, dass es nicht für jedes Problem eine Lösung gibt. Dass man nicht jeden Babyschrei mit Wickeln, Füttern oder Trösten verstummen lassen kann. Dass nicht jede schlechte Laune mit einem neuen Spiel in eine bessere umgewandelt werden kann. Dass das Kind den Kochvorgang nicht als Akt der Hungerbedürfnis-Befriedigung sieht.

Selbstentwicklung oder so

Aber was habe ich nicht alles in den letzten zwei Jahren gelernt! Wie bewusst mir das Leben und das wirklich Wichtige darin jetzt sind! Mit welchen Sinnlosigkeiten ich mir zuvor die Zeit vertrieben habe! Wie langweilig alles war. Jetzt gibt es ständig Herausforderungen und Abenteuer. Und sich weiterzuentwickeln ist nun mal anstrengend und erfordert viel Kraft.

Wie ist es also, ein Kind zu haben? Unbeschreiblich.

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