Erziehung im Affekt

Erziehung im Affekt

Erziehung kann man nur falsch machen. In den Augen anderer. Und in den eigenen Augen ein paar Jahre später vermutlich auch. Deshalb dümpelt man dann trotz Lesens von viel zu vielen Ratgebern irgendwie so mit seiner Intuition durch den Erziehungs-Alltag. Oder handelt im Affekt. Ganz schlecht. Gaaaaanz schlecht. Das artet nämlich immer in Schimpfen aus. Und das will man ja irgendwie vermeiden. Meint die Gesellschaft.

Unterbewusste Erziehung

Das Gute, oder auch Schlechte, ist, dass sich Kinder ja sehr viel vom Erwachsenen-Verhalten abschauen. Und so kam es bei uns, dass sobald etwas Blödes passiert ist, dies immerzu mit „Maaaah“ und „Auweh“ kommentiert wurde. Ein trauriges Gesicht meinerseits, ein schnelles Handeln unsererseits und die Missetat war bis dato noch leicht auszubügeln. Mein Kind also unterbewusst manipulieren. Perfekte Strategie. Diese Verhaltensweise hat sich bei unserem Kind stark eingeprägt. Weil wir haben ein Beobachter-Kind. Kein Macher-Kind also. Aber machen tut es trotzdem viel. Blödsinn halt.

Missetat begangen!

Seit einiger Zeit liegen im Kinderzimmer Malstifte herum. Ich weiß, das ist wirklich eine sehr fahrlässige, wenn nicht sogar lebensmüde, Situation! Aber unser Kind malt brav auf Zettel. Deshalb war meine Freude auch riesig, als ich vor Kurzem in Ruhe kochen konnte und sich das Kind still selbst beschäftigte. Zu still. Verdächtig still. Und vielleicht kennt ihr diese Situation: Soll ich wirklich riskieren nachzusehen? Sie damit vielleicht aus dem Spiel reissen, um dann eine Nervensäge am Bein hängen zu haben? Oder gehe ich einfach davon aus, dass schon alles passen wird?

Während ich also so hin und her überlege und mich dann doch dazu entschließe, mal im Kinderzimmer nachzusehen, kommt sie mir schon verzweifelt entgegen gerannt. „Mama!!! Maaaaah! Auwehhh!“. Ein verzweifelter Blick und eine enttäuschte Schnute kommen noch dazu. Da ist sie! Meine manipulierende Erziehung. Ich sage ihr, sie soll mir zeigen, was sie gemacht hat. Sie läuft ins Kinderzimmer und deutet auf die Wand ums Eck. Ich gehe mit flauem Gefühl im Magen ins Zimmer und wage es fast nicht an die Wand zu schauen. Als ich mich aber dann doch traue, ist da nichts. Nur weiße Wand. Mein Kind scheint aber verzweifelt und schlägt sich sogar auf den Kopf und jammert „Maaah, auwehhh, Mila, nein!!!!!“ Ich sehe noch immer nichts.

Ehrlichkeit währt am längsten

Schlussendlich krabbelt sie aber auf die Bank und zeigt auf das Bücherregal. Ach und da haben wir es! Ein fuzzi-kleiner Strich am Regal und ein bisschen Malerei über die Buch-Rückseiten. Ich will ja fast erleichtert loslachen (Achtung Erziehung im Affekt!!!), reisse mich aber noch zusammen, setze eine neutrale Mine auf und meine: „Oje, das machen wir wieder sauber, aber malen tun wir nur auf Zettel!“ Sie nickt und strahlt. Und hilft sogar beim wegwischen.

Als ich dann erleichtert wieder durchs Vorzimmer in Richtung Küche gehe, blitzt es von der Seite kurz gelb auf. Also entweder, hier hat jemand an die Wand gepieselt, oder meine Tochter hat soeben ein Meisterwerk des Tarnens und Täuschens vorgeführt. Meine unterbewusste Erziehung. Ich bin beeindruckt. Die Stifte sind weg. Und werden übrigens nun auch nach meinem Wand-putz-Versuch mit nicht wasserlöslichen Stiften ersetzt.

Schimpfen ist Erziehung im Affekt

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2 Comments
  • Reply
    Bri
    10. Mai 2019 at 18:11

    Haha immer schön zu lesen was mir noch bevorstehen wird 😆
    Lg Bri

    • Reply
      Mama
      10. Mai 2019 at 18:30

      Es kann noch alles schlimmer kommen 😂

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