Das Lauschen der Stille oder: Ein typisch untypischer Sonntag im Dorf

Waldspaziergang

Ich mag keine Sonntage – mochte ich noch nie! Meistens, weil man da nicht spontan einkaufen gehen kann. Was ja auch gut so ist. Aber trotzdem. Irgendwie fühlt man sich da ein wenig abgeschieden vom Leben. Was ja auch gut sein kann, wenn man Familie hat und der Sonntag wunderbar sonnig ist.
Was steht da also auf dem Plan? Nachdem endlich zwei mündige Erwachsene im Haushalt sind, kann der Mann sich mal ums Kind kümmern und ich kann eeeeendlich:
PUTZEN. Ja voll bescheuert, wir werden das auch bald ändern und auf unter der Woche nachts legen. Damit man mehr Familie am Sonntag hat.
Aber dennoch. Der Putzmarathon ist gestartet, der Linz Marathon auch. Und damit ich ersteres in Ruhe erledigen kann, schnappt sich der Mann unser Kind, fährt mit ihr Auto waschen und trifft leider unvorbereitet auf letzteres. In diesen Stunden ihrer Abwesenheit bin ich dann auch schnell fertig mit den ToDos. Die Kleine ist vor dem nach Hause kommen auch kurz eingenickt. Der Power Nap hat sie derart gepusht, dass an ein weiteres Schläfchen nicht zu denken ist. Also volle Action an diesem sonnigen Sonntag.

Blöd nur, dass dieser als Familie auch schon wieder vorbei ist. Der Mann hat nämlich, ich nenne es hier jetzt einfach mal so, ein wichtiges Arbeitsmeeting mit den Kollegen. Also heute mal Mama-Kind-Sonntag.
Das Kind denkt nach einer Stunde schaukelnd in der Wiege noch immer nicht ans Schlafen und spielt mit den Füßen, ist gleichzeitig aber grantig, weil, nein – nicht bipolar, sondern komplett überdreht und übermüdet. Immerhin auch schon 5 Stunden am Stück munter, was persönlicher Terror-Rekord für unseren Sprößling ist!
Der Mann also weg, ich also Kind in den Kinderwagen und ab geht’s zum wunderschönen Spaziergang im Dorf.
So. Jetzt muss ich kurz ausholen. Unser Dorf ist klein. So klein, dass das einzige heilige Kreuz, das wir im Zentrum besitzen, keiner Kirche sondern Raiffeisen gehört. Und in so einem Dorf ist es ja eigentlich ruhig, mag man meinen. Wenn man nicht gerade an der Hauptstraße spaziert. Denn da ist, wie in anderen Gegenden nämlich nicht, sonntags Hochbetrieb. Da kommt nämlich die naheliegende Tanke ins Spiel und ein bisserl auch die neue S10, die ja vielleicht mit Furcht der Bewohner erwartet wurde, wegen des Lärms und so. Aber die S10 ist harmlos. Furchtbar ist nur, was sie ausspuckt und zur Tanke würgt. Sonntags ist dort nämlich große Versammlung, der von niemanden hergewünschten Schau-mal-mein-cooles-brumm-brumm-Auto-macht-bumm-bumm-beim-Auspuff-Proleten. Und die nutzen unsere schöne Straße fürs Zur-Schau-Stellen ihrer Autos und, für diese 5 Minuten Highlight in ihrem Leben, Zahlen beim Dorfpolizisten wegen Geschwindigkeits-Über- und IQ-Unterschreitung und das ist einfach nur peinlich und laut. Also bleibt mir nichts anderes übrig als ein bisschen Offroad zu spazieren. Das müssen der Kinderwagen und meine Muskeln einfach aushalten.

Also spaziere ich in den Wald und das Kind ist berauscht und lacht sich schlapp im Kinderwagen. Nuckel raus und wieder rein, Holladiro wir machen einen Ausflug, hui hihihihi die Sonne blendet meine Äuglein, ach ist das lustig. Die Kleine treibt mich in den Wahnsinn!! Ich geh ja nicht 2 Stunden im Wald spazieren bis sie schläft! Tu ich aber. Nach meinem ersten scharfen Wort, dass jetzt Schluss ist und sie schlafen soll, lässt sie den Nuckel drinn, dreht den Kopf zur Seite und macht die Augen zu. Wow. Ich bin sowas von Mutter. Machtwort gesprochen. Braves Kind.
Dann rumpeln wir durch den stillen Wald und man hört nur die Vögel zwitschern. Es ist eine Wohltat! Ich hab mir die Stille sogar aufgenommen, damit ich sie daheim hören kann. Extra gehe ich also die große Runde, damit sie lange schlafen kann, weil nach 6 Stunden wach sein, schläft sie ja jetzt mindestens 1 Stunde!
Nach 30 Minuten wacht sie auf. Und ist wirklich schlecht gelaunt. Der Wald und die Stille gehen ihr so richtig am Arsch vorbei. Es wird gejammert und geschrien und böse dreingeschaut, dass ich sie rausnehme und ein Stück trage. Bei dem Versuch, sie von einem Arm auf den anderen zu nehmen, rollt der Kinderwagen auch schon Richtung Steilhang und auf Wiedersehen. Gott sei Dank noch schnell reagiert. Was hätte ich da gemacht? Kind am Straßenrand abgelegt und die Böschung runtergekraxelt? Klingt nach dem Beginn einer schrecklichen Tragödie. Ich wills mir gar nicht ausdenken. Also Kind wieder in den Kinderwagen, natürlich wieder mit Gebrüll, und beide Hände fest am Steuer. So geht das jetzt 20 Minuten dahin mit Geschrei. Ich nehm sogar dann ganz mutig die Abkürzung über den Hang, damit wir schneller zuhause sind. Das Kind liegt da fast kopfüber im Wagen. Und rumpeln tuts auch. Aber was sollst. Mein Stresspegel ist ohnehin schon wieder bei Schau-mal-mein-cooles-brumm-brumm-Auto-macht-bumm-bumm-beim-Auspuff-Proleten-Lärm.

5 Meter vor der Haustüre schläft sie ein. Ich lasse diesen Satz jetzt mal kurz wirken. Sie schläft 5 Meter vor der Haustüre wieder ein. Nach 2 Stunden Spaziergang. 5 Meter vor der Haustüre.

Also schiebe ich sie auf die Terrasse, setz mich neben sie und rüttle weitere 30 Minuten am Kinderwagen.
Als sie dann aufwacht ist sie Gott sei Dank gut drauf. Das bleibt auch den Abend ziemlich so. Wechselt wieder in Phasen der Hyperaktivität vor allem beim Essen, dass offensichtlich nicht so spannend ist, wie die leere Luft rechts, links und hinter ihr. Das Essen klebt also überall nur nicht am oder im Mund. Die Mission wird abgebrochen und durch Zu-Bett-Gehen ersetzt.

Da ist sie dann auch sofort eingeschlummert und brauchte mich nur alle 5 Minuten, um ihr wieder den Nuckel zu geben.
Um 8 Uhr abends habe ich dann das Tageschaos beseitigt und höre mir kurz verträumt meine Aufnahme von der Stille heute Nachmittag an. Und bleibe wie jeden Abend bei Aufnahmen meiner kleinen Tochter hängen. Ach ist sie süß, so friedlich wie sie jetzt schlummert, ist der anstrengende Teil vom Tag ja auch schon wieder vollkommen vergessen und mein Tagesbericht bringt nur noch die Beschreibung dieses wundervoll ruhigen Waldspaziergangs, dem seligen Schläfchen der Kleinen und ihrer guten Laune hervor.

Spaziergang mit Baby - ein Sonntag im Dorf

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