Warum man alte Zeiten lieber nicht reanimiert

Bis jetzt habe ich mich eigentlich überhaupt nicht dafür geschämt. Seit dieser Woche schaut das Ganze schon ein bisschen anders aus. Ich wusste ja 11 Jahre lang eigentlich gar nicht, von was ich da immer gesprochen und erzählt und geschwärmt habe. Nun ist mir aber klar, warum ich mitleidige, ja vielleicht sogar leicht verachtende und überraschte Blicke ernte, wenn ich von meiner wilden Zeit als 17-Jährige erzähle. Ich war ein Nachtschicht-Opfer. Ein Jahr lang. Über die Ferien drei Mal in der Woche Stammgast. In Steyr, Linz und Wels. Ich habe weder Alkohol getrunken noch peinliche Tänze aufgeführt. Lediglich meine Faszination für meine Altersgenossen und deren Hang zur Exzessivität hat mich in den Bann gezogen (ich und Sozialstudien – eh schon wissen). Und so bin ich eben jede Woche aufs Neue hingepilgert, nüchtern und sehr abweisend zu männlichen Artgenossen. Dafür in Outfits, für die ich meine Tochter einsperren würde. Und mit einem Fanatismus für Szene1-Fotos-Sammeln, über den ich heute noch lachen kann. Aber schön war’s. Und lustig. Und viele tolle Erinnerungen haben wir gesammelt. Soviel zu damals.

Könnt ihr euch also vorstellen, wie mir die Tränen in die Augen schießen, als es auf Social Media erschallt: Das REVIVAL kommt! Die Nachtschicht wird wiederbelebt und es sind alle von früher dabei: DJs, Gäste, Kellner, Türsteher, Szene1-Fotografen, unheimliche Gestalten. Wundervoll. So schnell kannst du gar nicht schauen, habe ich zwei Karten gecheckt und mich auf diesen Tag gefreut. Mit im Gepäck meine kleine Nachtschicht-Jungfrau, die sich das mal anschauen will. Wundervoll. Super wird das. Nur tanzen. Zur Musik von damals. Und vielleicht den Alkohol von damals probieren. Vielleicht. Was man da so trinken hätte sollen.

Und dann stehen wir beim Eingang, vor der Garderobe. In netten Outfits, die ungefähr 300% mehr bedecken, als damals. Wir sind ja schließlich unter der Haube. Und haben einen Ring am Finger (Ich zur Sicherheit gleich zwei. Bleibt bloß weg von mir!).
Und wie ich mich wie ein kleiner junger Hund in heller Aufregung so umsehe, frage ich mich, weshalb die Eltern da mitkommen. Das frag ich mich dann oben im Saal nicht mehr. Weil die Eltern sind das Publikum. Und wir sind mindestens 10 Jahre unter dem Altersdurchschnitt. Hätte mir ja auch einmal wer sagen können, dass es hier nicht um MEINE Zeit damals geht (wie ich gelernt habe, dem Ende der Nachtschicht-Ära), sondern um den Anfang der Anfänge. Also sind hier jetzt hauptsächlich Leute, die gerade maturiert haben, als ich lesen gelernt habe. Oder viel wahrscheinlicher: Die gerade ihren ersten Entzug machen, während ich schon Aufsätze schreibe. 1998. Das beleben wir an diesem Abend wieder.

datei-28-10-16-20-34-29

Die Musik ist wirklich der Horror. Die DJs haben die letzten 10 Jahre sicher nicht an den Turntables geübt. Viel mehr die Zeit mit Jahrmarktunterhaltung am Autodrom totgeschlagen. So oft wie die was ins Mikro brüllen, so oft werde ich von allen Seiten betatscht. Und geschubst. GESCHUBST! ICH! Verdammte Leute, verdammte!

Also versuchen wir uns an Alkopops (hätte mir auch gleich jemand sagen können, dass die nichts anderes als Sprite, Schartnerbombe oder RedBull sind, widerlich!) und wippen in den ersten Stunden ein bisschen mit den Füßen mit. Im „Takt“, wenn’s denn möglich gewesen wäre, weil Takt gibt es hier nicht. Und nach ein paar Stunden ohnehin nicht mehr möglich, weil wir am Boden festkleben.

Die Barleute strahlen dich an wie auf Koks und brauchen ungefähr 30 Minuten um Flüssiges ins Feste zu füllen und dafür Geld zu nehmen. Der Typ neben mir brüllt mich an warum ich so böse schaue. Zurecht mein Freund, zurecht! Die Hand auf meiner Hüfte, die mich anschiebt, ist nicht meine entzückende Begleitung. Merke ich leider zu spät. Verdammte Leute, verdammte!

Also bloß weg hier, Revival hin oder her. Ich gehör hier nicht hin. Immerhin haben wir es bis 2 Uhr früh ausgehalten. Dafür ging’s dann ab in einen moderneren Tanzschuppen. Endlich zum Tanzen. Mit Musik! Wir haben auch gar keinen Eintritt gezahlt, weil das Motto des abends: „Frisch geschieden? Scheiß auf Ehe, hol dir frische Hasen!“ Die Eltern der Eltern sind nämlich hier und freuen sich ernsthaft, dich da zu sehen. Tanzt du also von einem Opi weg in Sicherheit, kommt der andere von der anderen Seite. Ein Tanz ums Überleben! Dafür gibt es Cocktails, die schmecken. Und einen Anmachspruch der besonderen Art: „Bist du Tanzlehrerin, oder generell Lehrerin?“ Süß, diese Jungen von heute. Zeit nach Hause zu gehen. Und das 17-jährige Ich lasse ich zurück. Es ist schon schön, Hirn zu haben.

You May also Like...

Kindergeburtstag ohne Social Media
Der perfekte Kindergeburtstag – und weshalb es keine Fotos gibt
1. September 2019
„Wien, oh du mein Wien!“ oder: „Die Zeltstadt und der Dreck“
16. Juni 2015
Kinderviren aus der Krabbelstube
Die Rückkehr der Kinderviren
30. September 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.